Aktuelles aus Medien

Lange Bullen und kurze Bären

In den letzten Tagen bin ich wieder über einige Artikel gestolpert, welche die Marktentwicklung in den USA mit dem morgigen Mittwoch zum längsten Bullenmarkt aller Zeiten küren. Solche Statistiken sind nett anzusehen, eine wirkliche Implikation über den weiteren Verlauf der Märkte lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Es braucht jedenfalls niemand Angst haben, dass mit dem vermeintlichen Eintritt in den längsten Bullenmarkt aller Zeiten, die Gefahr für sinkende Kurse urplötzlich ansteigt.

Darüber hinaus ist die Kernaussage natürlich auch abhängig davon, wie man einen Bullen- und einen Bärenmarkt definiert. Eine abweichende Definition führt selbstredend zu einem anderen Ergebnis:

https://www.ftportfolios.com/Common/ContentFileLoader.aspx?ContentGUID=4ecfa978-d0bb-4924-92c8-628ff9bfe12d

Der Blick in die Vergangenheit hilft also nicht die unmittelbare Zukunft zu prognostizieren. Dennoch zeigt er eindrucksvoll, dass sich ein langfristiges und weltweit gestreutes Engagement an den Aktienmärkten, trotz starker Kursrückgänge in den vergleichsweise kurzen Phasen der Bärenmärkte, ausgezahlt hat:
https://www.msci.com/documents/10199/890dd84d-3750-4656-87f2-1229ed5a5d6e

Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu, ihr Stellenwert ist jedoch in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Anleihenkurse umso größer.

Das Sommerloch fällt aus!

Die Finanzmärkte haben im heurigen Jahr keine Zeit für ein Sommerloch. Während in Politik, Sport und sonstigen Bereichen des täglichen Lebens die Sommerpause dazu angetan ist, die Schlagzeilen mit Belanglosem zu füllen, gibt es für Teilnehmer der Finanzmärkte heuer etlichen Diskussionsbedarf über handfeste Tatsachen und Meldungen. Da ist zuerst die aktuell laufende Berichtssaison, wo US-Unternehmen in Summe wirklich beeindruckende Zahlen liefern. Auch die europäischen Unternehmen machen sich auf Basis der Umsätze recht ordentlich, stehen jedoch beim Gewinn den US-Kontrahenten um einiges nach. Eine wirkliche Überraschung ist das nicht, verdeutlicht aber einmal mehr, wie weit die USA in der konjunkturellen Entwicklung voraus sind.

Selbst eine gute Berichtssaison kann momentan das Gemüt der meisten Anleger jedoch nicht so wirklich aufheitern. Denn über den Märkten schwebt ein Damoklesschwert mit dem Namen Handelskrieg. Initiiert von Donald Trump ist auffällig, dass hier die USA am besten mit dieser Bedrohung „zurechtkommen“. Die US-amerikanischen Aktienkurse sind nahe ihren Höchständen und das obwohl die Stimmung unter den Anlegern in den USA maximal mittelprächtig ist. Anders sieht das Bild in Europa und insbesondere in Asien aus. Hier präsentiert sich nicht nur die Anlegerstimmung gedrückt. Die Stimmungsindikatoren aus der Realwirtschaft zeigen erste Auswirkungen des Trump’schen Protektionismus. Die Einkaufsmanagerindizes der verarbeitenden Industrie gelten als wichtige Konjunkturindikatoren. Diese zeigen sich zwar sowohl in Europa als auch in Asien noch expansiv, doch der Trend ist rückläufig. Noch deutlicher sieht man die Auswirkungen an den asiatischen Aktienmärkten. Auf Indexbasis haben der Markt in Shanghai (-11%), in Seoul (-6,5%) und in Hongkong (-6%) über die letzten drei Monate klar verloren. Hinzu kommt, dass der Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank ein Problem für viele asiatische Länder darstellt. Denn traditionell sind viele dieser Länder in US-Dollar verschuldet, so dass steigenden US-Zinsen ein budgetäres Problem darstellen – auch wenn diese Tatsache alles andere als neu ist.

Gilt es sich also um die Weltwirtschaft Sorgen zu machen?! Aus heutiger Sicht ist dies noch mit einem Nein zu beantworten. Zu stabil scheint das weltweite expansive Gefüge, als dass es hier kurzfristig zu stärkeren Verwerfungen kommen könnte. An den Aktienmärkten gilt es ohnehin Qualität zu vernünftigen Preisen zu kaufen und langfristig zu investieren – nur das sichert nachhaltige Rendite. Die gedrückten Niveaus in Asien bzw. den Emerging Markets sind für die Zukunft sogar eine Chance auf höhere Renditen – zur Beimischung aber allemal interessant.

EZB – Langweilig oder „Twist and Shake“?

So niedrig wie die Erwartungen an die letztwöchige EZB Sitzung waren, so wenig aufregend waren die Ergebnisse daraus. Im Dezember soll wie bereits angekündigt das Anleihekaufprogramm beendet werden und bis in den Sommer 2019 sollte sich an den Leitzinsen im Euro-Raum nichts bewegen – der sanfte Ausstieg ist vorprogrammiert. Die Inflation rennt für die EZB-Oberen in die richtige Richtung, auch wenn das aktuelle Niveau durch Energie- und Nahrungsmittelpreise nach oben verfälscht wird. Das konjunkturelle Wachstum erscheint ebenfalls zufriedenstellend, momentan erkennt man in den Augen der Währungshüter eine Normalisierung auf hohem Niveau. Der Markt preist so für den September 2019 die erste, leichte Leitzinserhöhung ein – aus Sicht von Mario Draghi ein sehr wahrscheinliches Szenario. Demnach sollte es in den Augen des Marktes zu sukzessiven, aber marginalen Erhöhungen kommen, sodass Ende 2020 der europäische Leitzins erstmals wieder von einem positiven Vorzeichen geschmückt wird.

Für etliche Marktteilnehmer ist die EZB mittlerweile schon zu transparent und zu berechenbar geworden, die Kommentare zu den Sitzungen haben aufgrund der „Langeweile“ oftmals eine leicht negative Färbung. Dabei sollten die Marktteilnehmer glücklich darüber sein, wenn eine Institution wie die EZB nachvollziehbare und vermeintlich langweilige Entscheidungen trifft. Es gibt für Investoren wahrlich schlimmere Szenarien, als in einem Marktsystem, welches aufgrund der unzähligen Variablen ohnehin unberechenbar ist, eine Konstante vorzufinden.

Ein Gerücht, welches sich im Markt hält ist die sogenannte „Operation Twist“. Angeblich plant die EZB die zukünftigen Reinvestitionen von Wertpapieren verstärkt in längere Laufzeiten zu tätigen. Somit könnte die Zentralbank die langen Zinsen besser kontrollieren und Abwärtsdruck auf die langen Renditen generieren. Diese würde zwar zu einer flacheren Zinskurve führen, aber einerseits etwas Druck auf den Euro ausüben und andererseits am langen Ende einen Ausgleich für steigende kurze Renditen schaffen.

Fed vs. Trump

Die leicht restriktive Geldpolitik, welche die US Notenbank seit Ende 2016 verfolgt, hat die Leitzinsen aktuell auf ein Niveau von bis zu 2% geführt. Geschadet hat dies der US-Wirtschaft in keinem Fall. Ganz im Gegenteil, die Prognosen für die Quartalsausweise der Unternehmen sind so gut wie seit 2010 nicht mehr. Dennoch kommen vom US-Präsidenten kritische Worte gegen die FED und ihren Vorsitzenden Jerome Powell. Er kritisiert offen die Notenbank für ihren anhaltend restriktiven Kurs und die absehbaren Zinserhöhungen. Diese würden seine Bemühungen, das Handelsbilanzdefizit der USA zu reduzieren, untergraben. In der Amtszeit von Trump hat die FED bis dato 5 Zinserhöhungen durchgeführt und für heuer noch 2 weitere angekündigt. Nach Trumps Worten sei es unfair, wenn die USA über einen stärkeren Dollar und eine anhaltend restriktive Geldpolitik kompetitiv gesehen einen Nachteil erleidet, nur weil sie sich in einer Phase der starken konjunkturellen Expansion befindet. Dass seine Steuersenkungen unmittelbar das Haushaltsdefizit erhöhen und selbst für höhere Zinsen verantwortlich sind, wird geflissentlich vergessen. Darüber hinaus diskreditiert er mit seinen Äußerungen die US-Notenbank, was nicht unbedingt dazu führt, dass das Vertrauen an den Finanzmärkten gestärkt wird. Seine Taktik hinter den Äußerungen könnte aber auch präventiv sein. Denn funktionieren seine wirtschaftlichen Maßnahmen nicht wie gewünscht, so gibt es dann mit Sicherheit einen passenden Sündenbock.

Der Blick aufs Zahlenwerk

Für die Aktienmärkte war es ein passabler Auftakt ins zweite Halbjahr. Das Gros der Indizes konnte in den ersten Tagen des Semesters leichte Zuwächse verbuchen. Aus Sicht der Investoren ist dies bitter nötig, denn die ersten sechs Monate waren alles andere als befriedigend. Da kommt die Berichtssaison zum 1. Halbjahr bzw. zum 2. Quartal gerade recht. Hier erhoffen sich viele Marktteilnehmer jene Impulse, welche den Markt wieder antreiben könnten. Das Thema der Steuererleichterungen wird gerade in den USA eine große Rolle spielen. Anleger und Analysten werden jedoch weniger Augenmerk auf die Kostenseite, als vielmehr auf die Einnahmenseite legen. Abseits von strukturellen Schritten, steuerlichen Erleichterungen und Kommentaren zu protektionistischen Maßnahmen ist Umsatzwachstum der Schlüssel zum Erfolg. Die Unternehmen müssen beweisen, dass die hohen Erwartungen gerechtfertigt sind und das Bild der Weltwirtschaft besser ist, als die aktuell gedämpfte Stimmung dies vermuten lässt.

Self Fulfilling Prophecy?!

Zwar sind die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach wie vorteilhaft, doch die protektionistischen Tendenzen stellen die Märkte vor eine Herausforderung. Abzulesen ist dies unter anderem an der US-Zinskurve. Diese steht knapp davor invers zu werden. Die  Zinsen 10-jähriger US-Staatsanleihen befinden sich nur mehr knapp über jenen 2-jähriger Anleihen. Ein Paradoxon, welches dann auftritt, wenn der Markt von einem volkwirtschaftlichen Abschwung, sprich einer Rezession ausgeht. Seit 1955 ist der Markt so in neun von zehn Fällen richtig gelegen, was die Vorhersage einer Rezession betrifft. Diese hohe Trefferquote ist eine bekannte Tatsache und so hat man es hier möglicherweise bald mit einer „Self Fulfilling Prophecy“ zu tun. Es liegt nun auch an Trump dem Markt wieder etwas Zuversicht zurück zu geben.

https://fred.stlouisfed.org/series/T10Y2Y